SPD Frankfurt Mitte-Nord

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Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kinder, liebe Nachbar:innen

wenn ich heute über das Grundgesetz spreche, dann spreche ich nicht nur über einen Text. Ich spreche über mein eigenes Leben.

Ich kam 1968 als Kind nach Deutschland. Als Migrantin. Mit einer Familie, die hoffte auf Sicherheit, auf Zukunft, auf Chancen – also mit Koffern voller Hoffnungen!

Geboren bin ich in Gaziantep – das ist so ziemlich die süd-östlichste Stadt vor der syrischen Grenze. Bereits bei der Busfahrt von Istanbul nach München sah ich Zeichen dieser anderen Welt in die wir fuhren. Mehrfach fragte ich meine Mutter, „ist das ein Mann oder eine Frau?“ Ich konnte nicht glauben, dass eine Frau einen Bus fahren kann … noch nie zuvor hatte ich eine Frau Autofahren gesehen – geschweige denn einen Bus. Es war eine Frau, die den riesigen Bus lenkte. Das war mein erster Eindruck von diesem Land, dieser neuen Welt, die mich erwartete!

Damals konnte ich nicht wissen, wie sehr dieses Land und seine Grundrechte mein Leben prägen würden. Und ehrlich gesagt: Als Kind versteht man keine Verfassungen.

Man versteht keine juristischen Begriffe. Aber man spürt, ob man geschützt wird. Ob man lernen darf. Ob man gesehen wird. Ob man dieselben Chancen bekommt wie andere.

Heute, viele Jahre später, weiß ich: Vieles von dem, was mein Leben möglich gemacht hat, steht im Grundgesetz.

Am 23. Mai 1949 trat dieses Grundgesetz in Kraft. Nach Krieg, Diktatur und unermesslichem Leid wollten die Menschen in Deutschland etwas Neues schaffen: einen Staat, der den Menschen dient — nicht umgekehrt. Und deshalb beginnt das Grundgesetz mit einem Satz, der bis heute tief berührt:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht die Würde bestimmter Menschen. Nicht die Würde derer, die hier geboren wurden. Sondern die Würde *aller* Menschen.

Für mich als Migrantin hat dieser Satz eine besondere Bedeutung. Denn er sagt: Jeder Mensch zählt. Jeder Mensch hat Rechte. Jeder Mensch verdient Respekt.

Das war und ist nicht selbstverständlich. Viele Rechte, die uns heute normal erscheinen, mussten hart erkämpft werden. Die Freiheit, die eigene Meinung zu sagen. Die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben. Der Schutz vor Willkür. Die Gleichheit vor dem Gesetz.

Und gerade als Frau berühren mich zwei Grundrechte besonders. Das erste ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Im Grundgesetz steht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Dieser Satz klingt heute selbstverständlich. Aber er war revolutionär. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten durften Frauen vieles nicht selbst entscheiden. Sie brauchten die Zustimmung ihres Mannes, um arbeiten zu gehen. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Ihre Stimmen wurden oft überhört.

Dass Frauen heute studieren, arbeiten, wählen, Verantwortung übernehmen und ihr Leben selbst gestalten können, ist auch ein Erfolg dieser Rechte.

Und das zweite Recht, das mein Leben geprägt hat, ist das Recht auf Bildung. Bildung verändert Menschen. Bildung öffnet Türen. Bildung schenkt Selbstvertrauen und Unabhängigkeit.

Gerade für ein Kind, das aus einem anderen Land kommt, ist Bildung oft der Schlüssel zu allem: zur Sprache, zur Teilhabe, zur Zukunft. Ich durfte lernen. Ich durfte mich entwickeln. Ich durfte meinen eigenen Weg gehen.

Das war nicht nur persönliches Glück. Es war auch möglich, weil dieses Land Rechte geschaffen hat, die Menschen Chancen geben sollen — unabhängig davon, woher sie kommen.

Und deshalb glaube ich: Das Grundgesetz ist weit mehr als ein juristisches Dokument. Es ist ein Schutzraum. Ein Versprechen. Und manchmal sogar eine Brücke zwischen Herkunft und Zukunft.

Aber Rechte leben nicht von allein. Demokratie ist nichts Selbstverständliches. Sie lebt davon, dass Menschen sie verteidigen, nutzen und mit Leben füllen.

Gerade heute erleben wir wieder, wie schnell Menschen ausgegrenzt werden können. Wie laut Hass werden kann. Wie wichtig es bleibt, füreinander einzustehen.

Deshalb sollten wir uns immer wieder fragen: Welche Rechte sind für mich persönlich unverzichtbar? Welche Rechte geben mir Würde, Freiheit und Hoffnung? Für mich sind es besonders die Gleichberechtigung von Mann und Frau und das Recht auf Bildung. Weil beide mein Leben geprägt haben. Weil beide mir Möglichkeiten eröffnet haben. Und weil ich weiß, dass viele Menschen auf der Welt noch immer darum kämpfen müssen.

Beide Rechte in der Kombination haben mir den Weg für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben – unabhängig von Mann und Vorstellungen über weibliche Biografien – in christlich geprägten Ländern sagt man dazu von „Kirche, Küche und Kind“ ermöglicht.

Dafür bin ich unendlich dankbar! Und genau darüber möchte ich jetzt mit Ihnen gemeinsam ins Gespräch kommen. Ich lade Sie ein, das Grundrecht, das Ihnen persönlich am wichtigsten ist, auf die Straße zu schreiben — sichtbar für alle. Und wenn Sie möchten, erzählen Sie uns anschließend: Warum gerade dieses Recht? Welche Bedeutung hat es für Ihr Leben? Welche Erfahrung verbinden Sie damit?

Denn Grundrechte werden erst dann wirklich lebendig, wenn Menschen ihre Geschichten damit verbinden.

Vielen Dank.